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Fingerspuren

Fingerspuren

 

Diese wunderschöne alte chinesische Pflanzschale wurde mit der Engobentechnik dekoriert. Das Wort Engobe kommt aus dem Französischen und ist ein aufgeschlämmter Ton. Die Engobetechnik ist so alt wie das Töpferhandwerk und ist natürlich auch im alten China zur Bonsaischalen-Dekoration genutzt worden. Diese Schale hier wurde mit einer blaß gelben Engobe  über den roten Scherben eingefärbt. Innen ist die rote Farbe des Grundtons gut zu sehen. Die einzelnen Arbeitsgänge wurden meist von mehreren Personen ausgeführt. Der Töpfer erstellte die Grundform. Der Künstler in der Familie übernahm die Rohform und dekorierte sie mit Schriftzeichen (meist Auszüge  aus Gedichten oder Liedern) und Ornamenten von Pflanzen und Tieren. Diese wurden in den noch nicht trockenen Ton eingeschnitten oder geritzt. Anschließend ist die farbige Engobe mittels Schwamm oder Fell auf die noch lederharte Schale aufgetragen worden. Die Ornamente und Schriftzeichen, die ja vertieft in der Schalenwand waren, färbten nicht mit ein. Durch den dunklen Untergrund traten sie jetzt natürlich deutlich hervor. Nach dem Trocknen sind die Schalen im Einbrandverfahren fertig gestellt worden.

 

 

Diese Schale besticht durch Form und Finish, eine ausgesprochen schöne Schale, die bestimmt nicht aus einer Serienproduktion stammt. Es fasziniert mich immer wieder, daß bei alten chinesischen Bonsaischalen, die eigentlich eine genaue symmetrische Form haben, die Asymmetrie in Form von ungleich angesetzten Bildspiegeln, Figuren und Ornamenten zum Gleichgewicht kommt. Über jede Kritik erhaben dilettantisch zu sein, wird das Schiefe und das Gerade zur unnachahmlichen, harmonischen Einheit. Die ausgefallene Form der Schale, Breite 28 cm, Höhe 18 cm, Tiefe 17 cm eignet sich hervorragend für Halbkaskaden oder Kaskaden. Die beiden Bildspiegel auf Vorder- und Rückseite erheben sich plastisch von der Schalenwand. Sie wurden von innen wahrscheinlich in eine kleine Holzform mit der Hand herausgepresst. Fingerspuren sind innen deutlich zu sehen.

 

 

 

Auf dem hinteren Bildspiegel wurde ein Gedicht oder ein Lied eingeschnitten.

 

 

 

Der vordere Bildspiegel ist wunderschön ausgearbeitet. Die Figuren und Blumen sind zusätzlich handkoloriert worden. Es ist mir leider noch nicht gelungen einen Experten zu finden, der die Schriftzeichen einigermaßen genau übersetzen konnte. Eine Version lautet, dass man den Ort, an dem man in der Kindheit Chrysanthemen gepflückt hat, auch wieder zurückkehrt. Das Bild zeigt einen Knaben und einen Gelehrten oder Weisen mit einem Chrysanthemenstrauß. Im Hintergrund sind Felsen, Bambus und Chrysanthemen zu sehen.

 

 

Dieses Foto zeigt Paul Lesniewicz beim Einkauf alter Schalen in China, ca. 1979/80 (das muß wohl ein Gefühl wie „Goldschürfen am Klondike“ gewesen sein. (So etwas ist schon lange nicht mehr möglich). Die hier vorgestellte Schale steht halb verdeckt hinter dem Bein der chinesischen Dolmetscherin.

 

 

Die Schale hatte am vorderen rechten Fuß eine kleine Beschädigung.

 

 

 

Diese Fotos zeigen die Schale nachdem sie der Goldschmied Bernd Braun mit massivem Gold ausgebessert hat. (Auch ein Meisterwerk!) Jetzt erstrahlt sie wieder in voller Würde und steht in meiner kleinen Sammlung.

 

Peter Krebs.

 

Foto Nr.1 bis Nr.5  von Helmut Rüger

Foto Nr.6  Paul Lesniewicz  (siehe auch in Rubrik „Museen“)

Foto Nr.7 bis Nr.9  Peter Krebs

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Kommentar:

Herr Hoe Chuah aus Huston, Texas hat mir freundlicherweise weitere Informationen über die chinesischen Gedichte auf dieser Schale geschickt. Der folgende Text ist ein leicht bearbeitete Auszug aus seinen Emails.

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Sehr geehrter Herr Krebs,

vor kurzem habe ich Ihre Website über Bonsai-Schalen entdeckt. Ich habe diese Seiten sehr genossen, vielen Dank dafür! Auf einer der Seiten, „Fingerspuren“, haben Sie die Frage gestellt, wie man die Schriftzeichen auf der Schale übersetzen könnte, deshalb wollte ich Ihnen etwas dazu schreiben.

Die Schriftzeichen, für die jemand diese Übersetzung vorgeschlagen hat: „dass man an den Ort, an dem man in der Kindheit Chrysanthemen gepflückt hat, auch wieder zurückkehrt“, sind die letzten zwei Zeilen eines Gedichts von Meng Hao-Ran, eines Dichters der Tang-Periode. Der Titel des Gedichts lautet: „Besuch bei einem Freund in seinem Landhaus“.  Wörtlich übersetzt lauten die beiden Zeilen: „Zum Chong-Yang-Fest werde ich zurückkommen für die Chrysanthemen“.

Das Chong-Yang-Fest wird auch das „Doppel-Neun-Fest“ genannt, weil es am neunten Tag des neunten Monats des Mondkalenders stattfindet. Das entspricht in etwa der Mitte Oktober des westlichen Kalenders. Die „Doppel-Neun“ hat für Chinesen eine besondere Bedeutung, weil das Wort „jiujiu“ für den 9. 9. gleichklingend ist mit „Ewigkeit“. Daher steht die „Doppel-Neun“ für Langlebigkeit; an diesem Festtag werden auch alte Menschen geehrt. Das Fest fällt in die herbstliche Erntezeit und in die Zeit, zu der die Chrysanthemen blühen. Traditionellerweise macht man an dem Festtag Ausflüge, besteigt einen Berg, bewundert die Chrysanthemenblüte, trinkt aus Chrysanthemen gebrauten Wein usw. Diese letzten beiden Aktivitäten erlauben verschiedene Deutungen der Chrysanthemen in dem Gedicht. Manche interpretieren die Zeilen so, dass der Dichter zum Chong-Yang-Fest zur Betrachtung der Chrysanthemen kommen möchte, andere so, dass er mit seinem Freund Chrysanthemenwein trinken möchte.

In dem Bild auf der Schale interpretiert der Künstler die Chrysanthemen als Blumen, aber da wir von vielen der alten Dichter wissen, dass sie dem Alkohol sehr zugetan waren, könnte es sich in dem Gedicht auch sehr gut um Chrysanthemenwein handeln. (Siehe auch die Anmerkung zu Lǐ Bái in
http://www.bonsaischalen.info/index.php?page=miniporzellan-2). Die Zeilen des Gedichts beziehen sich also nicht auf die Kindheit des Poeten.
Da ich chinesische Lyrik zwar sehr gerne lese, mich aber nicht als wirklichen Experten bezeichnen kann, habe ich im Internet gesucht, ob es noch eine bessere Übersetzung dieses Gedichts gibt. Und tatsächlich fand ich dort mehr Informationen, als ich zu hoffen gewagt hatte.

In der Wikipedia [
http://de.wikipedia.org/wiki/Meng_Haoran] wird der Name des Dichters als Meng Haoran angegeben. Er wurde 689 oder 691 geboren und starb 740. Die Themen seiner Gedichte sind oft Landschaften oder pastorale Szenen. Das obige Gedicht wurde in die Anthologie „300 Tang-Gedichte“ aufgenommen, die fest zum chinesischen Literaturkanon gehört. In der Wikipedia gibt es auch einen Verweis auf eine englische und französische Übersetzung der Gedichte (http://wengu.tartarie.com/wg/wengu.php?l=Tangshi&no=128). Darin wird das Chong-Yang-Fest als „Bergfest“ bezeichnet, was wohl eine gelungene poetische Übersetzung ist, da das Besteigen eines Bergs ja zu den traditionellen Fest-Aktivitäten gehört. Interessanterweise ist in der drittletzten Zeile von „Bechern in den Händen“ die Rede, also könnte es sich bei der Rückkehr im Herbst auch um Chrysanthemenwein statt um Chrysanthemenblüten drehen.

Auf der anderen Seite der Schale findet man zwei Zeilen eines Gedichts, dessen Ursprung ich nicht kannte. Interessant ist die Unterschrift des Künstlers: „Kopie des alten Stils von Ding Tai (der Name eines Töpfers oder Kalligraphen), im Sommermonat des Jahres Ren-Shen“. Die chinesische Zeitrechnung beruht auf einem 60-Jahres-Zyklus, sodass das Ren-Shen Jahr angesichts des wahrscheinlichen Alters der Schale 1932 sein könnte (wenn man glaubt, dass die Schale älter ist, könnte man jeweils um 60 Jahre weiter zurückgehen). Bei chinesischer Kunst und insbesondere bei der Töpferei liegt in der Aussage, dass es sich um eine Kopie handelt, kein Täuschungsversuch, sondern eine Ehrerbietung gegenüber dem alten Meister. Tatsächlich tragen einige der Schalen, die für den Qing-Kaiser Qian Long gefertigt wurden, Markierungen, die besagen, dass es sich um Kopien von Schalen aus der Ming-Periode handelt! In diesem Fall wollte der Töpfer oder Graveur wohl ausdrücken, dass die Verse im Stil eines alten Meisters sind, d.h. dass sie mit Modifikationen aus einem alten Gedicht übernommen wurden.

Wieder habe ich im Web nach den chinesischen Schriftzeichen auf der Rückseite der Schale gesucht, und auch diesmal bekam ich interessante Ergebnisse. Diese beiden Verse sind nicht Teil eines längeren Gedichts, sondern ein Couplet, das von Zeng Guoquan stammt, einem General der Qing-Periode. (Auch seine Biographie kann man in der Wikipedia finden). Er starb 1890, sodass die Schale höchstwahrscheinlich auf 1932 datiert werden kann, da der Töpfer durch die Bezugnahme auf das Couplet seine Wertschätzung ausdrücken wollte. Ein Couplet ist ein chinesischer Gedichtstil, bei dem zwei Verse einander ergänzen und sich reimen. In Zengs Original lauten die Zeilen:

Die Blumen in der Vase fielen auf den Tuschestein, ihr Duft verwandelte sich in Worte;
Der vom Wind gepeitschte Bambus klopfte an das Fenster, sein Klang ging ein in meine Schriften.

Der Töpfer behielt den ersten Vers bei und antwortete mit seinem eigenen zweiten Vers: „Das Geräusch des Bambus im Hof wiederholt den Rhythmus meines Gedichts.“ Wenn der Töpfer von einer „Kopie des alten Stils“ schreibt, ist also keine alte Schale gemeint, sondern der Stil des Couplets.

Diese Art von Schale stammt aus Yixing, mit einer beigen Engobe über dem purpurfarbenen Ton, und die Schriftzeichen wurden von Herrn Tao Ding Tai eingraviert, der möglicherweise nicht selbst der Töpfer dieser Schale war. Der Familienname „Tao“ erscheint in einem Kreis neben der Chrysanthemenmalerei.

Ich hoffe, diese Informationen können dazu beitragen, dass Ihre Leser ein besseres Verständnis dieser Schale gewinnen.

Mit freundlichen Grüßen,
Hoe Chuah


Übersetzung ins Deutsche von Stefan Ulrich


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