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Frühlingsrauschen

Unmerklich

reiht sich Tag an Tag.

So bist du entstanden

Vergangenheit.

 

(Buson)

 

 

Was ist Vergangenes? Ist Vergangenes nicht erst vergangen, wenn man es vergessen hat?

 

Vergangenes bleibt solange lebendig, wie es in unseren Köpfen und Herzen nicht vergessen ist. Erst wenn es vergessen ist, wird es unwiederbringlich ausgelöscht. Das gilt für Erinnerungen, Gedanken, Gelebtes oder Musik, Literatur und Kunstgegenstände. Erst wenn etwas vergessen oder verloren gegangen ist, ist es vergangen. Alles in der Natur besteht aus Werden und Vergehen. Der Reifungsprozess des Menschen besteht aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und ohne diese findet keine Reifung statt. In uns kann Gelebtes und Ungelebtes Fortbestand haben und unser alltägliches Leben auf vielfältige Weise bereichern. Über Jahrtausende hinweg haben sich menschliches Denken, Gebrauchsgegenstände und Kunstwerke angesammelt, und so manches ist so lebendig wie am ersten Tag.

 

Bonsai und Schale sind auch in diese Prozesse eingebunden. Den Baum gab es schon lange vor dem Menschen. Keramik ist fast so alt wie die Menschheit selbst. In der Provinz JIANGSU in China wurden in den Götterhöhlen Keramikscherben gefunden, die auf ca. 10 000 Jahre geschätzt werden. Aus dieser alten Keramik heraus hat sich das Porzellan in China entwickelt. Es ist heute auch in unsrer westlichen Kultur, ob im Haushalt, Sanitärbereich, Medizin usw. nicht mehr wegzudenken.

 

Halte ich alte, gebrauchte Bonsaischalen in der Hand, so spüre ich etwas von dem oben Beschriebenen. Wie viele vor mir, wie viele nach mir mögen sie wohl in ihren Händen gehalten haben und noch halten werden. Es ist einfach schön mit Vergangenem und Zukünftigem zu leben. In alten, bemalten chinesischen Porzellanschalen kommt diese Lebendigkeit besonders zum Ausdruck. Chinesische Töpfer haben ihren Motivschatz aus Religion und Volksglauben geschöpft. Die reale, wie die vorgestellte Erscheinungswelt drücken sich in Zeichen und Symbolen aus. Glück, Reichtum und beruflicher Erfolg wurde dem Besitzer eines mit solchen Symbolen bemalten Gefäßes gewünscht. Die Darstellung der Jahreszeiten, Pflanzen und Tiere waren eine Huldigung an die Natur. Es war demchinesischen Künstler, im Gegensatz zu unseren Darstellungen fremd, den einzelnen Menschen in seiner Persönlichkeit herauszustellen. Der einzelne Mensch war immer untergeordnet und nicht Herr aller Dinge, die es zu unterstellen galt.

 

Der Donner des Wasserfalls

ist verstummt vor vielen Jahren schon

Doch wenn sein Name genannt wird,

erdröhnt er wieder wie einst.

(Fujiwara No Kinto)

 

 

Eines dieser alten Kunstwerke möchte ich Ihnen hier vorstellen. Dies ist ein Meisterwerk und gehört zweifelsohne zu den schönsten Porzellanschalen die je in China hergestellt wurden. Diese Bonsaischale zeugt von einer Lebendigkeit, die wir kulturell nicht einmal ansatzweise verstehen. Das, was über Generationen in China gewachsen ist, kann man vielleicht textlich, aber nicht gefühlsmäßig übersetzen. Andererseits besteht vielleicht die Hoffnung, dass über ein paar Generationen hinweg sich auch bei uns etwas Eigenständiges in der Bonsaikultur entwickelt, das unserer Vorstellungs- und Erscheinungswelt entspricht.

 

Die Schale ist sechseckig, in den Maßen Höhe 26 cm, Durchmesser 36 cm. Weichporzellan, kobaltblaue Unterglasurmalerei, China, ca. 100-150 Jahre alt, so würde es sich analytisch lesen. Diese Schale aber muss man mit dem Herzen lesen. Eine wunderschöne, feinfühlig ausgemalte Landschaftsmalerei tut sich dem erkennenden Auge auf.

 

 

Dargestellt ist der ganze Zauber des Frühlings in einer Bergwelt mit Seen und Pagoden. Chinesische Weise oder Gelehrte (vielleicht stehen diese „Drei“ auch symbolisch für die drei Monate  des Frühlings?) sind wie in ein Gobelin eingewoben. Blühende Bäume verführen einem geradezu an der Schale zu riechen. Es ist schön sich diesem Flair auszusetzen, sich verzaubern zu lassen von der Kunst, die die Chinesen so meisterlich beherrschen. Nach unten wird die Schale enger. Ein schmales Band mit floralem Dekor umschlingt sie und legt sich wie ein Gürtel symbolisch um die Hüfte einer chinesischen „HSIAN NÜ (Fee). Es grenzt damit die Schale von dem sich nach unten hin wieder öffnenden Sockel ab.

 

 

Symbolisch sind auch die Durchbrüche  im unteren Sockel, sie erinnern an Kleeblätter, auch hier wieder über den ganzen Sockel verteilt ein florales Dekor.

 

 

Symbolträchtig ist ganz besonders der obere Rand der Schale, er besteht aus einem Mäander des Donnersymbols. Schon in sehr frühen chinesischen Texten wird der Donner als „Lachen des Himmels“ erwähnt. Für ängstliche Menschen bedeutet es aber auch der „Ärger des Himmelsgottes“.

 

Peter Krebs.

 

Die Schale stammt aus der Sammlung von Paul Lesniewicz (siehe in der Rubrik „Museen und Kollektionen“).

 

Foto: Josef Wiegand 


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