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Prof. Dr. Gunter Lind

Und, wenn er gekommen ist,

der Tag,

dann ist er so wie Nichts;

und alle Träume sind wie ein Duft, eine Musik.

 

Am 9.4.2007 starb Prof. Dr. Lind nach schwerer Krankheit. In der Zeit seines Ruhestandes widmete er sich hingebungsvoll der Erforschung der Bonsaigeschichte. Nur ein sehr kompetenter Bonsai- und Kunstkenner ist in der Lage, ein im Westen so noch völlig unbekanntes Wissensgebiet, aufzuzeigen.

Viele seiner Artikel wurden z.B. in BONSAI ART und im BONSAI FACH FORUM veröffentlicht. Viele seiner noch unvollendeten Artikel werden wohl leider für uns im großen Arkanum verschlossen bleiben.

Ein Artikel aus dieser Reihe hat mich als Schalenliebhaber besonders angesprochen. Gezeigt werden Bildausschnitte von alten japanischen Holzschnitten. Die hier gezeigten Bonsai sind alle in Schalen gepflanzt, die in der Zeit des 18. und 19. Jhs. modern waren.

Zur Vollendung der “Bonsaischalen-Info“ Seite ist es eine Ehre, diesen Artikel hier zeigen zu dürfen.

 

Mein Dankeschön an Frau Lind.

 

Und an den Verlang BONSAI ART.

copyright: Gerlind Lind

 

Artenvielfalt? Formenreichtum?

 

von Gunter Lind

 

Der weitaus überwiegende Teil (sicher mehr als 90%) von Bonsai auf Abbildungen des 18. und 19. Jhs. gehört zu den drei klassischen Arten, die schon im Hachi-no-ki genannt sind: Kiefer (vermutlich meist Mädchenkiefern), japanische Aprikose (Ume) und Kirsche. Zur Gestaltung der Kirsche sollen hier einige Anmerkungen gemacht werden. Sie kommt sehr viel seltener vor als die beiden anderen Arten und deshalb muss man stilistische Aussagen mit einer gewissen Vorsicht formulieren. Einige Beispiele in Bilder 1-4. Gestaltung einer Kirsche (Ausschnitte)

 

 Bild 1 Utagawa Kunisada, 1853

 

 Bild 2 Utagawa Kunisada, 1786-1865

Bonsaihändler beim Gießen eines Kirschbäumchens. In dem Regal im Hintergrund stehen Jungpflanzen in kleinen Töpfen.

 

 Bild 3 Utagawa Kunisada, (akt.1840-1880)

 

 Bild 4 Utagawa Sadahide, 1861

 

Die Gestaltung der Kirschen auf den Hachi-no-ki-Bildern von Toyokuni I und Kunisada hat Ähnlichkeit mit derjenigen der daneben stehenden Kiefern. Man könnte von der “Kiefernform” sprechen: ein kräftiger Stamm mit Richtungswechseln und mehrere davon einigermaßen waagerecht abgehende Hauptäste. An die Stelle der dunklen Kiefernnadeln  treten die rosa Kirschblüten. Bei den beiden Kirschbäumen von Kunisada (Bild 1 und 2) könnte man eher von einer “freien Besenform” sprechen: auf einem kurzen Stamm sitzt eine einigermaßen kugelförmige Blütenkrone, deren Aststruktur weitgehend hinter dem Blütenflor verschwindet. In beiden Fällen wurde offenbar ein möglichst üppiger Blütenflor angestrebt. Der Baum von Yoshitora (Bild 3)  hat Merkmale beider Formen. Vermutlich gab es für den Kirschbaum nicht so feste Traditionen wie für die Kiefer und die Ume. Das Wichtigste war anscheinend die Blüte und bei den Formen orientierte man sich am Naheliegenden. Nur die Form der Ume kommt nicht vor. Sie widerspräche dem angestrebten reichen Blütenflor.

 

In der Bonsailiteratur wird verschiedentlich darauf hingewiesen, dass auch im 18. und 19. Jh. schon außer den genannten drei klassischen Arten eine Reihe weiterer für die Bonsaizucht beliebt gewesen sei. Besonders genannt werden Azaleen, Kamelien, sowie Ahorn. Während zunächst überwiegend Blütenbonsai geschätzt worden seien, habe es im 19. Jh. eine Mode für interessant geformtes und gefärbtes Laub gegeben. In dem mir vorliegenden Bildmaterial bildet sich dies nicht ab. Es ist kein einziges Bild eines Azaleenbonsai oder eines Kamelienbonsai dabei. Und fast alle Bonsai, die nicht zu den klassischen drei Arten gehören, sind auch im 19. Jh. Blüten- oder Fruchtbonsai. Laubbäume ohne Blüten oder Früchte sind sehr selten.

 

 Bild 5 Utagawa T0yokuni, 1813

 

Bild 5 zeigt eine dieser Ausnahmen. Der Hausierer hat offenbar einen rotblättrigen Ahorn, einen weiteren Laubbaum und eine Blütenpflanze auf seinem Traggestell. Das Bild deutet aber auch eine mögliche Auflösung des Widerspruchs zwischen den schriftlichen und den Bildquellen an: Die Pflanzen sehen nicht wie gestaltete Bonsai aus, sondern es sind schlichte Topfpflanzen. Azaleen, Kamelien, Ahorn und manche anderen Arten waren als Gartenpflanzen beliebt. Die Bürger stellten solche Pflanzen auch gern in den kleinen Innenhofgärten auf, wo es zu dunkel war, um Blütenpflanzen auf Dauer in Beeten zu kultivieren. Die Pflanzen wurden dann in Töpfe gesetzt, und zwar in dieselbe Art von Töpfen, die man auch für Bonsai verwendete. Man wechselte diese Dekoration gern mit den Jahreszeiten. Und offenbar wurden diese Topfpflanzen meist nicht wie Bonsai gestaltet, jedenfalls nicht besonders aufwendig. Wenn sie nicht mehr blühten, ersetzte man sie ja auch durch andere. Für diese Deutung des Widerspruchs spricht auch, dass ein Teil der Quellen, auf die sich die Bonsailiteratur stützt, offenbar von Gartenpflanzen handelt.

 

 Bild 6 Utagawa Kunisada, (1786-1865)

 

 Bild 7 Tsukioka Yoshitoshi, 1880

 

 Bild 8 Tsukioka Yoshitoshi, 1880

 

 Bild 9 Utagawa Yoshitora (akt. 1840-1880)

 

Das schließt natürlich nicht aus, dass diese Arten auch als Bonsai kultiviert wurden und es gibt auch eindeutige schriftliche Belege dafür. Es gab auch damals schon Bonsaienthusiasten. Allerdings scheint ihre Zahl noch nicht allzu groß gewesen zu sein und erst gegen Ende des 19. Jhs. wurden sie zu einem bedeutsamen wirtschaftlichen Faktor für den Handel. So ist es verständlich, dass sich ihre Vorlieben im Bestand der Farbholzschnitte nicht niederschlagen. Das heißt aber auch: über die Gestaltung solcher Bonsai, die nicht den klassischen Arten angehören, wissen wir fast nichts. Bilder 6-9 zeigen einige Beispiele von Bonsai in nicht gängigen Arten. Sie stammen alle aus der 2. Hälfte des 19. Jhs.: ein Fruchtbonsai (vielleicht ein Apfel), ein Blütenbonsai (vielleicht eine Päonie; man könnte sich streiten, ob es sich nicht eher um eine Topfpflanze mit interessantem Stamm handelt), ein Laubbonsai und ein recht ungewöhnliches Exemplar, vielleicht eine Palme. Erwähnt sei noch, dass im südlichen China eine sehr viel größere Zahl von Arten bonsaimäßig kultiviert wurde, überwiegend tropische Laubbäume, die in Mitteljapan nicht winterhart sind.

 

Bei den Formen der Bonsai ergibt sich ein ganz ähnliches Bild wie bei den Arten. Von den etwa 20 Formen, die in der japanischen Literatur unterschieden werden, und erst recht von der kaum übersehbaren Vielfalt in China, ist im Bildmaterial nur Weniges wiederzufinden. Es dominieren die beschriebenen Standardformen von Kiefer, Ume und Kirsche.

 

Auch hier hält sich in der Bonsailiteratur hartnäckig eine Auffassung, die von dem Bildmaterial nicht gedeckt wird. Danach sollen im 19. Jh. Bonsai in bizarren, überspannten, ja monströsen Formen beliebt, ja dominierend gewesen sein. Insbesondere geht es um die Oktopusform, bzw. die Horaiform, also um Bonsai mit kunstvoll resp. künstlich tordierten Zweigen oder Stämmen.  Solche Bilder sind jedoch ausgesprochen selten.

 

Schon Deborah Koreshoff hat sich (angesichts eines Bildes einer Bonsaibaumschule von Torii Kiyoharu) über den Unterschied zwischen der Bildquelle und den schriftlichen Quellen gewundert. Sie deutet an anderer Stelle auch eine mögliche Erklärung dafür an, dass offenbar die Bedeutung bizarrer Formen für die japanische Bonsaigestaltung überschätzt wurde: Diese Formen fielen den auswärtigen, insbesondere den westlichen Besuchern besonders auf und wurden deshalb für charakteristisch gehalten. Und als Bonsai zu einem japanischen Markenartikel wurden und Baumschulen mit dem Export anfingen, waren es dann besonders solche Formen, die sie hierfür aussuchten.

 

Ein Beispiel ist die Pariser Weltausstellung von 1878, auf der es wohl die erste größere Bonsaiausstellung in Europa gab. In einem Artikel darüber (siehe Bonsai-art 68) zeigen von sechs Abbildungen zwei die Oktopusform und drei die Wurzelstammform. Und für letztere hat man auch noch besonders extreme Beispiele ausgesucht. Es ist zu vermuten, dass diese Beispiele keineswegs das Niveau der Bonsaigestaltung in Japan kennzeichneten, sondern eher das, was nach Meinung der Japaner westlichem Geschmack entsprach.

 

Sicher hat es auch in Japan Liebhaber solcher Formen gegeben. Nur für den Export hätte sich die Massenproduktion kaum gelohnt. Man muss auch bedenken, dass der Farbholzschnitt nur einen Teil der japanischen Wirklichkeit wiedergibt. Er zeigt das Leben der “besseren Kreise “ in der Stadt. Über das Leben auf dem Lande oder über die einfachen Leute erfährt man wenig. Vielleicht standen dort die Bonsai aus der Massenproduktion großer Baumschulen. Jedenfalls scheint mir aus den Farbholzschnitten eindeutig hervorzugehen, dass bizarre Formen keineswegs typisch für den japanischen Geschmack der Edo-Zeit sind.

 

 Bild 10 Kiyonaga Hitsu,1822

 

 Bild 11 Totoya Hokkei, 1836

 

Im übrigen wäre es meines Erachtens auch nicht gerechtfertigt, solche extrem vom natürlichen Habitus der Bäume abweichenden Formen grundsätzlich abzuwerten. Auch Deborah Koreshoff wert sich ausdrücklich dagegen. Mir erscheint die Oktopus-Kiefer von Bild 10+11 als ein sehr interessanter, nach einem konsequenten künstlerischen Plan gestalteter Bonsai. Und auch für die Wurzelstammform wird man in den Farbholzschnitten kaum derart schematisch-unattraktive Beispiele finden, wie es die von der Pariser Weltausstellung sind.

Bei der Kiefer von Hitsu ist der Übergang zwischen dem Stamm und seinen Wurzeln sehr gut gelungen. Durch den linken, ausladenden Ast macht sie den Eindruck, als neige sie sich über einen Bach, der ihre Wurzeln freigespült hat. Der Laubbaum von Hokkei ist eine Kombination von Oktopus- und Wurzelstammform. Der Wurzelstamm ist nicht sehr ausgeprägt und ähnelt fast einer breiten Stammbasis. Die Äste sind in skurrilen Windungen gestaltet, ähnlich einer Korkenzieherhasel, wirken aber trotzdem nicht überspannt, da die Gesamtform des Bonsai durchaus traditionell bleibt.

Sicher ist bei derart extravaganten Formen die Gefahr danebenzugreifen größer als bei einem Bonsai, dessen Gestaltung einem festen Schema folgt. Angesichts der Tatsache, dass der künstlerische Geschmack in der Gärtnerzunft jener Zeit wohl nicht zu den allgemeinen Stärken gehörte, kann man sich durchaus vorstellen, dass es zu Entgleisungen kam. Aber die Holzschnittmeister wussten offenbar solche Entgleisungen sehr wohl von gut gestalteten Bäumen zu unterscheiden.

 

 Bild 12 Anonym, 1892

Bijutsu Bonsai Zu; Bäume einer Ausstellung von 1892

 

 Bild 13 Watanabe Noukazu um 1895

Aus dem Triptychon mit Beschäftigungen der Frauen

 

 Bild 14 Toyohara Chikanobu 1887

 

Erst gegen Ende des 19. Jhs. wird das Formenspektrum der japanischen Bonsai deutlich größer und die Standardformen dominieren nicht mehr so. Dies war eine Folge der in der Meiji-Zeit einsetzenden Orientierung an den chinesischen Vorbildern. In Bild 12-14 gibt es einige Beispiele hierfür: eine Kiefer in Kaskadenform, eine Ume in Trauerweidenform und eine Kiefer, die der naturalistischen Form der Lignan-Schule entspricht. Dass aus der Orientierung an China tatsächlich eine Anhebung des künstlerischen Niveaus resultierte, wie es intendiert war, zeigt sich sehr schön an dem Postkartenmotiv eines anonymen Künstlers in Bild 15 Das Arrangement aus einem Bonsai (Kiefer in Halbkaskadenform), einem Suiseki und einem Ikebana trägt den Titel “Ewiger Frühling”.

 

 Bild 15

Ansichtskarte aus dem Verlag Ehagaki sekai 1907 "Ewiger Frühling"

 

Eines gibt es allerdings auch in dieser Zeit noch nicht, nämlich Bonsai mit einem geraden Stamm, sei es in streng aufrechter oder in geneigter Form. Sie sind eine japanische Erfindung und gehören erst in die Zeit als man sich nach dem chinesisch-japanischen Krieg wieder von den chinesischen Vorbildern abwandte. Die ersten Beispiele hierzu scheinen von einer Bonsaiausstellung aus dem Jahr 1902 zu stammen und die Bäume lassen erkennen, dass sie noch nicht sehr lange in Kultur sein konnten.

 

Zum Schluss noch eine Bemerkung zur Größe der Bonsai. Hier findet man in der Literatur öfter die Auffassung, die Bonsai seien früher im Durchschnitt deutlich größer gewesen als heute. Auch hierfür liefern die Bilder keine Belege. Die meisten Bonsai haben mittlere Größe, wie heute auch. Große Bäume sind selten, sehr kleine waren anscheinend noch gar nicht üblich (wenn man davon absieht, dass mancher Bonsailiebhaber sich auch schon an den Sämlingen erfreute).

 

 

 

Anmerkung: Allerdings scheint es einen ganz speziellen Typ von Großbonsai gegeben zu haben. Er ist durch eine charakteristische Containerform gekennzeichnet. Üblicherweise handelt es sich um sechseckige, manchmal auch um quadratische Gefäße von etwa 40cm Höhe und Seitenlänge. Die Oberseite ist in der Form einer Schildkröte gestaltet, deren Panzer fehlt, weil sich dort die Pflanzöffnung befindet. Die Bepflanzung besteht in der Regel aus den “drei Freunden”, wobei die dominierende Kiefer nicht dem klassischen Typ folgt, sondern eher naturalistisch gestaltet ist und fast literatenhaft schlank. Manchmal besteht die Beipflanzung zur Kiefer auch aus anderen Pflanzen. Das ganze Arrangement ist ungefähr mannshoch. Einen Hinweis auf die Bedeutung dieser Pflanzungen habe ich bislang nicht gefunden.

 

Prof. Dr. Gunter Lind

 

 

 

(Eigene Anmerkung)

Interessant  für Schalenliebhaber ist auch die Schale auf Bild 4. Diese Schale wurde höchstwahrscheinlich aus Holz gefertigt.

Nach solch alten Vorlagen fertigte man später auch Porzellan Schalen in Japan an.

 

 

OWARI Porzellan (siehe auch in Rubrik "Weisses Gold" Artikel "Japan-Blau/Weiss

 

 

 

 

 

 


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