Diese Seite drucken

Tokoname

Tokoname

Der Name einer Stadt steht für Bonsaischalen

Wenn man von Tokyo aus Richtung Westen fährt, und das tut man am besten mit dem "bullet-train" Shinkansen, kommt man auf dem Weg nach Nagoya an "Herrn Fuji", dem Fuji-san, vorbei. Vor allem im Winterhalbjahr zeigt er öfters sein sonst an 200 Tagen des Jahres umwölktes Haupt. Vom Zug aus sieht man die Südseite, also die Vorderseite des Vulkans, der auch im Sommer das reine Weiß des Schnees trägt. Wie der Fudji oder auch der Bonsai,haben die japanischen Inseln  eine Vorderseite, die Pazifikseite, und eine Rückseite. Die tonangebenden Städte, vor allem auf der Hauptinsel Honshu,  liegen wie Perlen an der Schnur auf der Sonnenseite und werden vom Shinkansen in der Hauptverkehrszeit alle 7 Minuten angefahren.

Angekommen in Nagoya besteigt man den Zug einer privaten Bahngesellschaft und fährt ca. 30 km auf der Halbinsel Chita am Pazifik entlang nach Süden. Der Einfluss des nahen Ozeans ist deutlich spürbar: Auf dem Weg sieht man immer wieder Palmen und andere tropische Bäume.

Von Tokyo aus  erreicht man Tokoname, das sich seit der Meiji-Ära zu einem wichtigen Zentrum der Töpferei entwickelt hat, nach zweieinhalb bis drei Stunden. Wie nicht anders zu erwarten, ist der ganze Ort durch die Keramik geprägt. Das heißt, dass dort außer Bonsaischalen auch alles andere, was aus Ton herzustellen ist, produziert wird: von Wasserleitungen über Kopien italienischer Blumentöpfe bis hin zum Tanuki, dem Symboltier japanischen Erfolgswillens. Überall auf den Höfen kleiner Fabriken stapelt sich Tonware. Aber nicht nur als verkaufsfertige Produkte sieht man allenthalben Keramik. Keramische Flaschen, Ziegel, Scherben...alles wird in Häusern und Mauern verbaut. So sehen manche Straßenzüge wie ein keramisches Patchwork aus.

Wir sind allerdings nicht wegen der zum Teil pittoresken Hausarchitektur nach Tokoname gekommen. In Bonsai-Kreisen ist dieser Name natürlich ein Synonym für hochwertige Bonsaischalen. Tokoname ist auch deswegen bei uns so bekannt, weil sich hier eine rührige Vermarktungsgesellschaft gebildet hat, die den Vertrieb für ca. 50 Bonsaischalenhersteller organisiert. Diese Gesellschaft hat einen Farbkatalog herausgebracht, der auch in Deutschland erhältlich ist, und der durch die vielen Abbildungen verschiedenster Schalenformen für jeden Bonsaianer eine Quelle der Anregung ist, selbst wenn man keine Schale kaufen will.

Wir werden vom Manager am Bahnhof abgeholt und in den Betrieb gefahren. Dort treffen wir Herrn Hinagaki, der, selbst aus einer Töpferfamilie stammend, bis vor ein paar Jahren die Firma leitete. Zur Begrüßung gibt es zunächst den üblichen grünen Tee. Die ersten Minuten sind auch hier von etwas Beklommenheit begleitet, die durch die Sprachbarriere hervorgerufen. Viele Japaner verstehen zwar die englische Sprache, fühlen sich aber scheinbar etwas befangen, sich in dieser Sprache zu unterhalten. Meist verschwindet dieses Phänomen jedoch nach einiger Zeit, und eine Verständigung, wenn auch unter Zuhilfenahme von "Händen und Füßen", ist möglich. Will man aber wirklich etwas erfahren, ist ein Dolmetscher auch heute noch unerlässlich.

Der grüne Tee hilft über diese Anfangsschwierigkeiten hinweg, zumal wir ohnehin sprachlos sind, als wir in den großen "Showroom" unter dem Dach geführt werden. Hier sind alle Schalen zu finden, die man sich vorstellen kann, und auch solche, die man sich  nicht vorstellen kann. Vor allem die Dimensionen einiger dieser "Töpfe" haben Ausmaße von Kinderbadewannen und Gewichte, die man gerade zu zweit bewältigt!

Aber es soll nicht nur um Superlative gehen. Es gibt alle Qualitätsstufen von einfach bis aufwendig, was sich auch in den Preisen ausdrückt. Handgemachte Mame-Schalen von 5 cm Durchmesser erreichen durchaus Preise, für die man auch eine 60 cm große, einfache Schale bekommt. Ich versuche mir in diesem Raum vor allem Farben und Strukturen einzuprägen. Die Sicherheit, mit der in jeder Schale eine harmonische Einheit von Form, Farbe,Dimension, Struktur und Verzierung erreicht wird, ist bewundernswert.

Wir sind natürlich auch nach Tokoname gekommen, um die Töpfer kennenzulernen, die diese Schalen herstellen. Herr Hinagaki hat das arrangiert, und so fahren wir zuerst in die Töpferei  Yamaaki, ein Betrieb, in dem zwölf Mitarbeiter beschäftigt sind. In dieser Firma werden hochwertige Qualitäten hergestellt, die in Japan "Shosen" genannt werden. Wem bei dem Begriff Töpferei  das Bild eines alten, vor sich hinwerkelnden Japaners in seiner mit abgegriffenen Werkzeugen gefüllten Werkstatthütte kommt, würde von der unromantischen Wirklichkeit enttäuscht werden. Der Betriebsleiter empfängt uns vor einer nüchternen  grauen Werkshalle uns bringt uns in den ersten Stock. Im Zentrum der Halle steht der große Ofen, der, wie alles, was nicht ständig benutzt wird, von einer dicken Staubschicht bedeckt ist. Im Sommer müssen hier während des Brennvorganges enorme Temperaturen herrschen. Aber im November herrscht eine ruhige Arbeitsatmosphäre in diesem für uns undurchsichtigen Chaos aus Gipsformen, Regalwagen mit Rohschalen, Tonbatzen und Maschinen, deren Funktion man ihnen nicht ansieht. Die Menschen hier im ersten Stock stellen die Rohschalen her und bearbeiten sie bis zum Brand. Im Erdgeschoss werden sie dann glasiert, gebrannt und verschickt.

Ein Prinzip, nach dem  in Tokoname Bonsaischalen hergestellt werden, basiert darauf, Tonstreifen oder Platten in Gipsform zu einer Schale zusammenzufügen.

Zuerst wird ein ca. 50 x 70 x 50 cm großer Tonklotz in 1 cm dicke Schichten geschnitten. Eine solche Tonplatte wird dann als Boden in die Gipsform gelegt. Die Wände werden aus Tonstreifen hergestellt, die ebenfalls aus solchen Platten geschnitten werden.

Dann werden die Hohlräume für die Füße  der Schale  mit Ton gefüllt.

 

Diese Arbeit wird besonders sorgfältig gemacht. Als nächstes werden Wand und Boden mit einem dicken Tonstrang verbunden und verschmiert. Oben auf die Seitenwände wird ebenfalls ein Tonstrang aufgepresst,

 

und dann alles , was über die Form hinausragt, mit einem Draht abgeschnitten. Anschließend wird eine Randschablone auf die Form gesetzt und der Rand von innen gegen die Schablone ausgeformt.

Zum Schluss werden Wände und Boden mit einem Spachtel nachgearbeitet.

Danach ruht die Gipsform ein bis zwei Stunden. Der Gips zieht die Feuchtigkeit aus dem Ton, und die Schale lässt sich leicht aus der Form lösen. Von innen abgestützt, wird die Schale gestürzt und zum Trocknen weggestellt.

 

Die Gipsformen können dann erneut benutzt werden , jedoch nur maximal einen Tag, denn dann sind sie zu feucht und müssen eine Zeit trocknen.

Die Rohschale wird etwas später, wenn sie leicht angetrocknet ist, nachgearbeitet.

 

Der Ton, der hier verarbeitet wird, stammt zum Teil aus Shigaraki und auch von der Insel Kiushu. Auch in Tokoname gab es früher große Tonvorkommen, daher auch diese Entwicklung. Heute kann der Bedarf mit hiesigem Ton nicht mehr gedeckt werden. Der gelbe Ton von Kiushu bekommt nach dem Brand eine graue Farbe, der lederfarbene Ton  aus Shigaraki wird dunkelbraun. Die Tone schrumpfen im Verarbeitungsprozess um 13%. Man benötigt also eine 69 cm -Form, um nach dem Brennen eine Schale von 60 cm zu haben. Wenn der Ton lederhart ist, werden mit einer Art Plätzchenform die Löcher aus dem Boden ausgestochen,

 

das Siegel angebracht und die Schale ein letztes Mal fein bearbeitet.

Unglasierte, vor allem kleinere Schalen, werden nur einmal gebrannt. Die größeren der unglasierten Schalen und die, die glasiert werden sollen, werden bei ca. 800° C vorgebrannt.

 

(Schrühbrand). Der Glattbrand (1200° C) lässt dann erst die schönen Farben der Glasuren entstehen. Der Ofen wird mit Gas geheizt und ist so groß, dass er mit Regalwagen beschickt werden kann.

Insgesamt zerbrechen 20% der Schalen während des Herstellungsprozesses.

Nach diesem Einblick in die Details der Schalenherstellung lernen wir noch einen kleinen Familienbetrieb kennen. Auch hier wird so produziert, wie es oben beschrieben ist. Viel Wert insbesondere auf die detailgenaue Ausarbeitung gelegt. Besonders komplizierte Schalenformen können deshalb, trotz Gipsformen, nur unter großem Zeitaufwand hergestellt werden. Der Seniorchef und seine Frau  sind damit beschäftigt und hinterlassen bei uns doch noch einen kleinen Eindruck von Romantik.

 

Auf der Rückfahrt nach Tokio sind wir noch ganz angetan von den freundlichen Menschen, denen man anmerkt, dass sie stolz auf ihre Arbeit sind. Es ist zwar ein Massenprodukt, aber man kann sehen, dass jede Schale die volle Aufmerksamkeit des Menschen bekommt, der sie herstellt. Mir scheint das ein Grund des Erfolges von Tokoname-Bonsaischalen zu sein.

Glasierte Schalen vor und nach dem Brand.

Text:  Michael Exner

Fotos: Michael Kros

Dieser Artikel wurde freundlicherweise von BONSAI ART zur Verfügung gestellt.


Previous page: Yixing Töpferei
Nächste Seite: Bonsaischalen-Bücher