Diese Seite drucken

Träume im Stein Nr. 1

TRÄUME IM STEIN

Willi und Gudrun Benz



Landschaftsbild aus dem südlichen China in der seit etwa 150 Jahre alten Aquarell-Maltechnik.

Suiseki sind durch die Natur selbst geschaffene Kunstobjekte aus Stein, die verschiedene Entstehungsursachen haben können und eine große Ausstrahlungs- oder Suggestivkraft besitzen. Das Wichtigste bei solchen Steinen ist demnach ihre Fähigkeit, beim Betrachter eine Stimmung zu erzeugen, die normalerweise mit der Betrachtung einer erhabenen Naturszene oder einem außergewöhnlichen Kunstwerk verbunden ist.
Diese Ausstrahlungskraft hat ihre Ursache in einer glücklichen Kombination von Formgebung, Oberflächengestaltung und Farbe und liegt darin begründet, daß sich der Mensch, wenn er einen Stein z. B. in eine Schale (Suiban) platziert, ganz persönlich und originär ausdrückt.



Bei dieser Malerei wurde die dreistufige „gespaltene Perspektive“ angewandt, für den Nahbereich das untere Drittel, für die mittlere Entfernung die Mitte und für die „weite Ferne“ der obere Teil.



Bei dieser Zeichnung wird ganz bewusst die Asymmetrie nach den Regeln des „Goldenen Schnittes“ eingesetzt, um eine starre statische Darstellung zu vermeiden.


SUIBANS

Sehr flache Schalen oder Tabletts mit einem niedrigen Schalenrand (etwa zwischen 6 mm und 20 mm) ohne Wasserabzugslöcher (japanisch: Suiban) eignen sich sehr gut, um Suiseki zu präsentieren.



Suiseki in einem mit weißen Granulat gefüllten Suiban aus Bronze. Suiban dieser Art werden in Korea gefertigt. Sammlung Puspo Adijuwono/ Jakarta.

Im allgemeinen werden sie mit gesiebtem Granulat (Korngröße z.B. gleichmäßig ca. 2,5 mm oder kleiner) oder mit Granulat und Wasser gefüllt. Mit Granulat gefüllte Schalen symbolisieren je nach Steinart eine weite Ebene oder einen Ozean oder gar eine große Menschenmenge. Eine mit Wasser oder Wasser und Granulat gefüllte Schale symbolisiert immer eine große Wasserfläche.

Um die Suggestion einer großen Ebene oder einer großen Wasserfläche zu erzeugen, ist es wichtig, daß die Schale etwa zwei - bis dreimal länger ist als die Basislänge des Steins.
Der Stein muß hierbei asymmetrisch so platziert werden, daß der visuelle Schwerpunkt des Steins auf der mit Hilfe des Goldenen Schnittes ermittelten Schnittlinie zu liegen kommt.
Der steil ansteigende „Berghang“ des Steins zeigt nach außen (kleinerer Abstand zum Schalenrand), während der flachere „ Berghang“ (Fließrichtung) des Steins in die weite Ebene zeigt. So platziert bietet der Stein in der Schale (Suiban) ein harmonisches Bild.



Der visuelle Schwerpunkt (S) des Steins liegt über der Schnittlinie für den Goldenen Schnitt der Schale.

Als Granulat eignen sich gewaschener Quarzkies einheitlicher Korngröße und Farbe, Splitt (gebrochener Stein) von verschiedenen Gesteinsarten wie z.B. gelber Porphyr, dunkler Basalt, Gabbro,… aber einheitlicher Korngröße und Farbe, Poroton (mittelbraun), verschiedene Vogelsandarten, vulkanischer schwarzer Sand, wie er z.B. in der Bucht von San Marko auf der Insel Teneriffa vorkommt,..
Die Farben von Stein, Schale und Granulat müssen aufeinander abgestimmt sein. Die mit Wasser oder Granulat gefüllten Schalen werden nicht bis zum oberen Rand mit Wasser oder Sand gefüllt, sondern nur bis etwa 80% der Schalentiefe, so daß oben noch 3…4 mm bis zum Schalenrand frei bleiben. Manche Suiban haben einen farbig glasierten Boden. Dieser Boden kann teilweise mit in die Präsentation einbezogen werden, wenn nicht die ganze Bodenfläche der Schale mit Granulat bedeckt wird.

Suiban werden aus Keramik oder Bronze gefertigt. Die Bronzeschalen sind sehr teuer, aber auch sehr schön wegen der Farbe der natürlich entstandenen Patina. Bronzeschalen haben meistens einen mit Ornamenten verzierten Rand, während Keramikschalen glatte Ränder haben.


Eine typische Keramikschale (Suiban) für die Präsentation von Suiseki (Keramikkünstler: Peter Krebs/Deutschland)



Bronzeschale mit einer für alte Bronzeschalen typischen Patina aus japanischer Fertigung.

Alle Schalen haben ovale oder rechteckige Formen, ganz selten eine runde Form. Bei der Auswahl eines Suiban sollte man bedenken, daß zu edlen Steinen auch „edle Suiban“ gehören. Der Wert eines Suiseki kann durch die sorgfältige Auswahl eines vom Farbton , der Glasur und der Textur passenden Suiban erheblich gesteigert werden. Besteht die Möglichkeit mit einem guten Keramiker zusammenzuarbeiten, kann ein Suiban an den Suseki angepasst werden. Dies ist der Idealfall. Ansonsten muß man mit dem Stein zum Händler von Suisekischalen gehen und so lange die Schalen „ausprobieren“, bis die optimale Kombination von Stein und Schale gefunden ist. Hierbei muß neben Farbe , Glasur und Textur (Oberflächenbeschaffenheit) die Form und Größe der Schale sowie die Höhe des Schalenrandes und Art der Schalenfüße mit in die Betrachtung einbezogen werden. Das Arrangement „Suiban-Suiseki“ muß ein „harmonisches Ganzes“ bilden. Größere Schalen haben je nach Art des Tons, aus dem sie hergestellt werden, die Neigung, während der Herstellung zu reißen. Dies muß nicht unbedingt als „Unglück“ angesehen werden. Ein guter Goldschmied kann einen solchen Riß mit Gold ausfüllen.



Suiban mit einem Riß (rechts), der von einem Goldschmied exzellent mit Gold „veredelt“ wurde. ( Keramikkünstler: Peter Krebs)

Neben der abdichteten Wirkung erzielt man hierdurch einen gestalterischen Effekt von ganz besonderem Reiz. Dies ist zwar nicht gerade billig, aber erhöht den Wert eines Suiban ungemein, insbesondere dann, wenn der ehemalige „veredelte Riß“ bei der Präsentation auch deutlich zu sehen ist.



Dieser ligurische Stein hat große Ähnlichkeit mit dem „Grisly Fall“, ein bekannter Wasserfall im Kings Canyon, USA. Der Stein liegt in einem besonderen Suiban. Ein Trockenriß im Vordergrund , der während der Herstellung bewusst herbei geführt wurde, ist mit Gold ausgefüllt. Wasser ist für die Natur und uns Menschen so wertvoll wie Gold. Maße: 13,5 cm x 5 cm x 7,5 cm (Suiban getöpfert von Peter Krebs)



Dieser Suiban wurde von mir entworfen und von Peter Krebs gestaltet. Diese typisch chinesische Präsentation trägt den Namen „Happy Dragons“ (Glückliche Drachen). Den Stein habe ich in Ligurien gefunden. Maße: 15 cm x 13 cm x 19 cm.



Ausstellungsnische oder Tokonoma im Bonsai-Museum der Familie Crespi in der Nähe von Mailand.


Text und Fotos von Willi Benz
Auszüge aus seinen Büchern „Suiseki“ und „Asiatische Kunst mit schoenen Steinen“.





Diese beiden Bücher sind über den Verlag von WILLI BENZ zu beziehen.


Previous page: Meister Hooun
Nächste Seite: Träume im Stein Nr. 2