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Gothaer Penjing-Album

Das Gothaer Penjing-Album

 

von Gunter Lind

 

 

In den Artikeln dieser Reihe ist fast ausschließlich von Japan die Rede gewesen, obwohl mehrfach daran erinnert wurde, dass die chinesischen Penjing für die japanischen Bonsai bis zum Ende des 19. Jhs. in mancher Hinsicht Vorbildcharakter hatten. Der Grund für diese Einseitigkeit ist das mir vorliegende Bildmaterial. Es gab in China keine dem japanischen Bürgertum vergleichbare Schicht und keine dem japanischen Farbholzschnitt vergleichbare Kunstgattung. Und in der hohen Kunst der chinesischen Gelehrtenmalerei spielten Genreszenen nur eine relativ kleine Rolle. Dementsprechend ist das aus dem 18. und 19. Jh. vorliegende Bildmaterial weniger reichhaltig und weniger qualitätvoll als in Japan. Dieser Mangel wird allerdings durch eine einzige Quelle wenn auch nicht ausgeglichen, so doch abgemildert, durch das Gothaer Penjing-Album, von dem dieser Artikel handelt.

Etwa in der Mitte des 17. Jhs. begann man in Europa sich für China zu begeistern. Durch die Jesuiten wurde einiges über China bekannt und weil sie den Konfuzianismus ein wenig im Sinne der christlichen Morallehre interpretierten, entstand ein Idealbild von China als eines zivilisierten und durch gute Gesetze geordneten Landes. Noch positiver war die Bewertung der fernöstlichen Kunst. Der Import von Seidenstoffen, Porzellan, Jadeschnitzereien, Lackobjekten und Bildtapeten war beträchtlich und ein Fürst, der sich als Kunstkenner zeigen wollte, richtete ein chinesisches Zimmer ein. Dieser Chinabegeisterung verdankt sich auch die Sammlung der Herzöge von Sachsen-Gotha. Um die Mitte des 17. Jhs. wurde ihr Grundstock gelegt und im 18. Jh. wurde sie beträchtlich erweitert. Besonders der Porzellanbestand war bedeutend. Die Einrichtung solcher "Indianischer Cabinette" mit Originalen war teuer und somit der Oberschicht vorbehalten. Im Rokoko kam es deshalb zu einer regelrechten Imitationswelle. Chinoiserien wurden in großer Zahl in Europa produziert und waren dadurch auch für bürgerliche Schichten erschwinglich.

Im ausgehenden 18. Jh. war London die Zentrale des Teehandels und mit den Teeschiffen kamen auch die Kunstgegenstände nach Europa. Sie wurden in den großen chinesischen Städten angekauft. Besonders in Hongkong und Kanton bildete sich ein Kunstgewerbe, das speziell für den Export nach Europa produzierte und oft auch dem europäischen Geschmack Rechnung trug. Inwieweit diese Dinge auch in China selbst vertrieben wurden, ist weitgehend unklar und auch die künstlerische Wertung im Vergleich zu für den heimischen Markt hergestellter Ware ist wenig untersucht. Gegen Ende des 18. Jhs. war der Bedarf in Europa so groß, dass man chinesische Künstler nach London holte, wo sie Aufträge in Werkstätten ausführten. Diese bestanden allerdings nur relativ kurze Zeit, da mit dem ausgehenden Klassizismus die Chinamode abebbte.

Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg, der ab 1804 regierte, organisierte seine Ostasiatika in einer Art Museum neu, dem "Chinesischen Cabinet", das in mehreren Räumen des Westturmes von Schloss Friedenstein in Gotha untergebracht war. Dort wurden auch die entsprechenden Kunstgegenstände aus anderen Schlössern des Landes integriert. Die Räumlichkeiten waren gegen Eintrittsgeld öffentlich zugänglich, ein Zeichen, dass die Kunstgegenstände nun nicht mehr repräsentativen, sondern musealen Zwecken dienen sollten.


Bild 1:  Jiangnanchausong, eine Kiefernart

Durch umfangreiche Ankäufe machte Herzog August seine Sammlung von Ostasiatika zur bedeutendsten in Deutschland. Zu diesen Neuerwerbungen gehört auch das Gothaer Penjing-Album, das um 1800 in Kanton entstand und in London erworben wurde. Bis heute befinden sich die Blätter in Gotha. Es handelt sich um 36 Deckfarbenmalereien im Format 38,5cm x 45,5cm, auf denen Miniaturlandschaften abgebildet sind. Sie sind offensichtlich für den Export nach Europa hergestellt worden. Im fernen Osten galten damals Penjing nicht als eigenständiges Motiv der Malerei, sondern erscheinen üblicherweise nur auf Genreszenen als Accessoires. Die Malerei ist im europäischen Stil ausgeführt, insbesondere sind die dargestellten Pflanzen botanisch exakt gekennzeichnet. Die Blätter sind nicht signiert und es gibt keine Beschriftung auf dem Bild selbst. Außerhalb des Rahmens ist nur der Name der dominierenden Pflanze angegeben. Das spricht dafür, dass sie nicht als Kunstwerke gedacht waren, sondern als eine Art botanische Abbildungen, die Europäern einen Überblick über die Gestaltung von Miniaturlandschaften vermitteln sollten.

Das Album ist wohl eine einmalige Quelle zur Geschichte von Penjing. Dadurch, dass hier eine ganze Serie von Penjing im gleichen Stil abgebildet sind, ist es möglich, die stilistische Varianz innerhalb eines Typs nachzuvollziehen. Die Bilder sind von einer seltenen Detailtreue und sie sind speziell geschaffen worden, um Penjing darzustellen. Dadurch enthalten sie viel präzisere Informationen als die meisten Abbildungen, auf denen der Penjing oder Bonsai nur Beiwerk ist, oft klein, oder sogar angeschnitten.

Die auf den Blättern dargestellten Penjing sind stilistisch sehr einheitlich. Das hervorstechende Kompositionsprinzip ist die Korrespondenz von Baum und Stein. Das scheint die damals in Kanton übliche Art von Miniaturlandschaften gewesen zu sein. Dieser Typus war wohl keine kantonesische Spezialität. Er ist seit dem 14. Jh. nachweisbar und kommt auch auf anderen Abbildungen des 18. und 19. Jhs. vor. Da andersartige Landschaftstypen kaum dargestellt sind, kann man vielleicht mit aller Vorsicht sagen, dass dies der damals gängige Typ von Miniaturlandschaften gewesen sein könnte.

 

 

Bild 2: Wang Zhenpeng (1280-1329), Frühlingsfest, Museum für Völkerkunde, Leipzig

 

Bild 2 zeigt die älteste mir vorliegende Darstellung einer solchen Landschaft. Auf dem Bild von Wang Zhenpeng (etwa 1280-1329) ist die Feier des Frühlingsfestes in einem vornehmen chinesischen Haus dargestellt. Im Vordergrund steht ein Tisch mit Wurzelholzschnitzerei und darauf der hier wiedergegebene Penjing mit den beiden Aprikosenbäumchen als Frühlingsboten. Würde man das kleinere der beiden Bäumchen weglassen, entspräche der Typus exakt den Blättern des Gothaer Albums. Allerdings ist der Unterschied in der Qualität der Gestaltung deutlich. Auch im Vergleich zu anderen Abbildungen aus dem 18. Jh. sticht die Qualität der Bäume des Gothaer Albums hervor. Dies und auch die Vielfalt der Gestaltungen spricht gegen eine handwerksmäßige lokale Schule. Die Blätter dürften eher Gestaltungen im Zusammenhang mit der Gelehrtenkunst darstellen, sozusagen die Hochform von Penjing, die sich immer jedem Schematismus entzog. Jedenfalls spricht die hohe künstlerische Gestaltung  hierfür.

Das Gothaer Album zeigt die Varianz innerhalb des Typs und erlaubt somit auch eine stilistische Kennzeichnung. Charakteristisch ist die Kombination von Baum und Stein. Nur fünf der 36 Blätter zeigen reine Baum-Penjing. Dabei werden sehr verschiedene Baumarten und sehr verschiedene Steine verwendet. Auf den meisten Blättern werden Baum und Stein als selbständige Elemente betrachtet, die nebeneinander gesetzt, aber formal aufeinander bezogen sind. Stein und Baum haben ähnliche formale Kennzeichen, sie antworten einander, sind gewissermaßen Brüder.

Dem mag die alte chinesische Vorstellung von der Verwandtschaft von Stein und Baum zugrunde liegen. Steine wachsen aus der Erde wie Bäume und Bäume können sich in Steine verwandeln (versteinerte Baumstämme!). Beide sind Symbole für Dauer, Alter, langes Leben, ja Unsterblichkeit. Und in der Symbiose beider, sei es dass der Baum auf dem Stein wächst, sei es dass Stein und Baum einander antworten, wie bei den Gothaer Penjing, wird diese Symbolkraft noch verstärkt. Vielleicht ist die Gestaltung dieser Penjing also ein später Abglanz taoistischer Unsterblichkeitsvorstellungen. Auch wenn man nicht mehr wirklich an sie glaubt, können solche Vorstellungen ja eine gewisse Faszination bewahren.


Bild 3 : Shuiweng, ein Myrtengewächs (Cleistocalyx operculatus)

Jedenfalls ist die Formähnlichkeit von Baum und Stein auf vielen der Bilder sehr schön gestaltet. In Bild 3 sind Stein und Baumstamm beide mit einer großen Höhlung versehen, die sie leicht und transparent wirken lässt. Baum und Stein scheinen sich voneinander abzuwenden, wobei aber der Baum durch einen zum Stein herüberlangenden Ast die Beziehung wieder herstellt. Bild 4 zeigt einen Baum in der Wurzelstammform und auch der zugeordnete Stein scheint wie auf Stelzwurzeln zu stehen. Dem streng aufrechten Baum von Bild 5 ist eine Gruppe gleichfalls streng aufrechter Steine zugeordnet.


Bild 4 : Datourong


Dies ist das ungewöhnlichste Blatt der ganzen Serie. Sowohl der symmetrisch gestaltete Baum als auch die monolithisch einfachen Steine entsprechen überhaupt nicht dem chinesischen Geschmack. Der Baum erinnert doch sehr an die barocke Formschnittgärtnerei in Europa. In Ostasien gibt es nichts Vergleichbares, bei Penjing schon gar nicht. Geometrischer Formschnitt bei Gartengehölzen ist zwar besonders in Japan gängig, aber die Formen sind stets sehr einfach und imitieren Berge im Gartenhintergrund. Die wahrscheinlichste Erklärung für diesen seltsamen Baum ist wohl, dass der Künstler Kenntnis von englischem Topiary hatte. Das Blatt wäre dann als Versuch zu werten, den Londoner Auftraggebern zu zeigen, dass man Miniaturlandschaften auch nach europäischer Manier gestalten könnte.


Bild 5 : Xiangshu, ein Lorbeergewächs (Cinnamomum bodinieri)

Insgesamt ist die einfache, klare Struktur der dargestellten Bäume auffällig. Es gibt keine "Laubwolken", keine Üppigkeit, die gesamte Struktur des Baumes ist vollständig sichtbar, nichts wird verdeckt. Dies entspricht der "kalligraphischen" Auffassung von Penjing, dem Literatenstil. Auch sonst kann man Merkmale dieses Stils erkennen: das Bemühen um Eleganz, besonders in der Stammführung vieler Bäume, auch der Eindruck einer gewissen Weltabgeschiedenheit, Stein und Baum suggerieren Landschaften fernab der Zivilisation. Man darf allerdings nicht an die moderne japanische Interpretation der Literatenform denken. Deren schlanke Stämme mit den kleinen Kronen kommen zwar auch vor, genauso aber kräftige, dicke Stämme mit beeindruckenden, breiten, freiliegenden Wurzeln.


Bild 6 : Qingsi

 

Beim Penjing sind Altersmerkmale besonders wichtig, da das frische Grün der Laubbäume ein Moment der Jugendlichkeit einführt, dass durch dominierende Altersmerkmale kompensiert werden muss. In der quasi monochromen Tuschmalerei ist dies weniger wichtig. Ein sehr gutes Altersmerkmal ist ein dicker Stamm, auf den der Penjinggestalter also nicht gern verzichten wird, auch wenn dadurch die Eleganz des Baumes vielleicht schwerer zu erreichen sein wird. Im Gothaer Album gibt es verschiedene Bäume mit dicken Stämmen (Bilder 6, 7 und 8 ). In allen Fällen wirkt der Stamm jedoch nicht kompakt, sondern ist durch Schrunden, Löcher oder Astansätze strukturiert und aufgelockert. Zu dicken Stämmen gehört immer ein ausladendes oberirdisches Wurzelwerk, während dünne Stämme auch ganz ohne Nebari auskommen können. Die Wurzeln setzen sich in den Stammverlauf fort und diese Spannrückigkeit ist ein weiteres Strukturierungsmoment für den Stamm.


Bild 7 : Xufurong, ein Strauch aus der Familie der Beifußgewächse (Crossostephium chinense)



Bild 8 : Tusanqi

Der Formenreichtum der Bäume ist beeindruckend. Mit  Ausnahme des streng-aufrechten "Topiarybaumes" kommen keine schematischen, nach einem bestimmten System aufgebauten Bäume vor. Jeder Penjing hat seine Individualität, seinen besonderen Charakter, wie das auch bei Penjing, die einen gestalterischen Anspruch erheben, der Fall sein sollte. Auf Prototypen rekurrierende Bäume wie in Japan waren in China nur in den lokalen, handwerklichen Schulen üblich, nicht in der "hohen" Penjingkunst.


Bild 9 : Tieshu

Die meisten der Bäume sind frei aufrecht gestaltet, mit sehr unterschiedlichen Stammverläufen, die zweifellos nicht in erster Linie naturalistisch sein wollen, sondern dekorativ. Die Grenze zum Skurrilen wird manchmal gestreift, nach meinem Geschmack jedoch nicht überschritten. Genau so häufig wie Einzelbäume sind frei-aufrecht gestaltete Doppelstämme oder Paare von zwei frei-aufrechten Bäumen mit deutlichem Größenunterschied. Auch einige Gruppen mit drei oder vier Bäumen gibt es, wobei in einem Fall nicht unterscheidbar ist, ob es sich nicht um eine Floßform handelt. Sich kreuzende Stämme sind dabei offenbar kein Tabu, sondern werden bewusst genutzt, um eine dekorative Gesamtkrone zu erzeugen (Bild 9). Die streng aufrechte Form kommt außer bei dem genannten "Topiarybaum" nur noch bei einem Baumpaar vor.

An exotischeren Formen kommen vor: einmal die Form des Wurzelstammes (Bild 4) und zweimal die Form des liegenden Stammes (Bilder 10 und 11), letztere kombiniert mit Steinen, die die liegende Stammform aufnehmen und so nicht in Konkurrenz zu dem dominierenden aufragenden Stammteil treten.


Bild 10 : Chuisiliu, Trauerweide (Salix babylonica)


Bild 11 : Wuhuaguo, Echte Feige (Ficus carica)

Man kann davon ausgehen, dass die Gestaltung der Bäume in diesen Landschaften sich prinzipiell auch auf Einzelbaum-Penjing übertragen lässt. Auch dort wird die frei aufrechte Form bei weitem dominiert haben.

 

Auf jedem Blatt ist der Name der dominierenden Pflanze in chinesischer Schrift festgehalten. Nur ein Name kommt zweimal vor, die chinesische Ulme. Man erhält den Eindruck, dass hier die Vielfalt der für Penjing geeigneten Pflanzen demonstriert werden soll. Diese ist in der Tat beeindruckend und steht im Kontrast zu der Beschränkung auf relativ wenige Arten, die in Japan üblich war. Dabei hat sicher auch eine Rolle gespielt, dass im tropischen Kanton die Möglichkeiten viel größer waren als in Edo oder Kyoto. Die meisten Pflanzennamen auf den Blättern lassen sich identifizieren, so dass man einen guten Überblick darüber erhält, welche Arten damals in Südchina für die Gestaltung von Penjing verwendet wurden.

 

Es dominieren die Laubbäume und Sträucher, die auf 24 der 36 Blätter dargestellt sind. An Arten lassen sich identifizieren: die chinesische Ulme, die Trauerweide, die echte Feige, der Banyanbaum (Würgfeige), zwei Varianten des chinesischen Parasolbaumes, der Granatapfel, eine Kampferbaumart, die chinesische Gleditschie, zwei Varianten von Gardenien, zwei Myrthengewächse, ein Lorbeergewächs, die Pavetta und der chinesische Mönchspfeffer. Viele dieser Arten werden heute anscheinend nicht mehr als Bonsai verwendet.

 

Demgegenüber gibt es nur 5 Nadelbäume, drei verschiedene Kiefern und zwei Varianten der Chinazypresse (Wasserfichte).

 

Auf sieben Blättern steht nicht ein Baum im Mittelpunkt, sondern eine andere Pflanze, drei Palmenarten, eine Bambusart, eine Baumfarnart, eine Staude (Zierspargel) und eine Kakteenart. Bis auf die letzte sind alle anderen als Gruppenpflanzungen gestaltet, da den Pflanzen die beeindruckende Stammform fehlt, die für den Einzelbaum konstitutiv ist.

Auffällig ist das Fehlen blühender Bäume, und es gibt nur einen Baum mit Früchten (Bild 12). Zwar haben mehrere der abgebildeten Arten interessante Blüten, aber sie werden nicht im blühenden Zustand dargestellt. Jedoch zeigen andere Bilder, dass blühende und fruchtende Bäume durchaus beliebt waren, genau wie in Japan, allerdings handelt es sich dort stets um Einzelbäume im Topf. Anscheinend hat man bei Landschaften blühende und fruchtende Bäume nur selten verwendet. Das könnte darauf hindeuten, dass man hier auf die künstlerische Gestaltung besonderen Wert legte. Wenn man reich blühende und fruchtende Penjing oder Bonsai erreichen will, muss man bei der formalen Gestaltung gewisse Kompromisse eingehen. Das Fehlen solcher Bäume in der Gothaer Serie spricht also auch dafür, dass es sich hier um anspruchsvolle Gestaltungen handelt.


Bild 12 : Huoshilin, Granatapfel ( Punica granatum)

Alle Penjing des Albums stehen in sehr schönen, geschmackvollen Keramikschalen. Für das 18. und 19. Jh. kann man sowohl in China als auch in Japan als Regel annehmen: Landschaften werden in Schalen gepflanzt, Einzelbäume in Töpfe. Die Schalen sind meist aus Keramik, teils glasiert, teils unglasiert, in Japan gibt es auch Holztröge. Die Töpfe sind oft  aus Porzellan, das in der Regel bemalt ist. Im Gothaer Album sind auch die wenigen Einzelbäume in Schalen gepflanzt. Vielleicht soll dies anzeigen, dass auch sie als Landschaften gemeint sind. Für den an moderne Bonsai gewohnten Betrachter wirken die Schalen im Vergleich zu den Bäumen zu groß. Man bedenke jedoch, dass es sich eben nicht um Bonsai handelt, sondern um Landschaften. Um den Landschaftseindruck hervorzurufen, ist eine größere Grundfläche der Schale günstiger. Diese wird mit kleinen Beipflanzen und Moosen zum Landschaftsausschnitt gestaltet, den der Betrachter in Gedanken über den Schalenrand fortsetzen mag. Oft bleiben allerdings Teile der Substratoberfläche unbepflanzt. Sie zeigen eine körnige Struktur, die Rückschlüsse auf das verwendete Substrat zulässt. In der Nähe von Kanton wurde ein sehr fester, feinkörniger Lehm abgebaut. Er wurde mechanisch in kleine Stücke von etwa Bohnengröße gebrochen. Dies Substrat war chemisch und physikalisch grobem Akadama sehr ähnlich.

Die Schalen sind überwiegend recheckig (23) oder oval (7). Daneben kommen einige Sonderformen vor: zweimal die Lotusform, eine runde Schale mit breitem Rand und kleiner Standfläche (Bild 8 ), ein Schale in Kleeblattform (Bild 3) und eine sehr originelle rautenförmige Schale mit abgeschnittenen Ecken (Bild9). Einige der Schalen sind reich verziert, wobei nicht nur geometrische Muster vorkommen, sondern auch florale (Bambus) und ornamentale (Bilder 9 und 10). Alle Verzierungen sind plastisch modelliert, es gibt keine Malereien oder Kratztechniken. Insgesamt erhält man den Eindruck, dass die Schalen sich von den heute hergestellten kaum unterscheiden. Solche Schalen gab es damals nur in China. Wenn man sie auf japanischen Bildern findet, handelt es sich um Importe.

Man könnte die Landschaften des Gothaer Albums minimalistisch nennen: ein Baum, ein Stein, vielleicht einige kleine Beipflanzen. Es sind symbolische Landschaften und um darin eine reale Landschaft zu sehen, musste der Betrachter schon etwas hinzutun: seine Phantasie. Nur wer sich darauf einließ, sich an einem stillen Abend in seinem Garten meditierend vor die Landschaft zu setzen, den konnte sie in die Einsamkeit der Natur, in die Welt der Bäume und Steine entführen. Nach der Berührung mit der europäischen Kunst hat das den fernöstlichen Menschen anscheinend nicht mehr genügt. Zu groß war die Faszination der naturalistisch-illusionistischen Landschaftsdarstellung der Europäer. Als die Blätter des Gothaer Albums entstanden, waren solche Landschaften in Japan schon unmodern und an ihre Stelle waren illusionistische Nachbauten der berühmten Naturschönheiten Japans getreten. Die chinesischen Literaten waren konservativer als das neuheitssüchtige japanische Bürgertum, und ihr Kunstverstand bewahrte sie vor kitschigen Ausrutschern. Auch hier entstand ein neuer Landschaftstyp mit illusionistischen Elementen, jedoch deutlich später als in Japan und ohne dass darüber der Bezug zur Tradition verlorengegangen wäre. Man baute nicht reale Naturszenarien nach, sondern die idealen Tuschlandschaften der

Gelehrtenmalerei. Beispiele findet man in modernen chinesischen Bonsaibüchern, aber kaum auf alten Bildern.


Die Blätter des Gothaer Penjing-Albums befinden sich im Besitz der "Stiftung Schloß Friedenstein Gotha". Alle in diesem Artikel gezeigten Blätter sind bislang noch nicht veröffentlicht. Ich danke Frau Ute Däberitz von der SSFG ganz herzlich dafür, dass sie mir eine CD mit Photos der Blätter zur Verfügung gestellt hat und dass sie mir die Erlaubnis gegeben hat, diese hier zu verwenden. 

 

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Am 9.4.2007 starb Prof. Dr. Lind nach schwerer Krankheit. In der Zeit seines Ruhestandes widmete er sich hingebungsvoll der Erforschung der Bonsaigeschichte. Nur ein sehr kompetenter Bonsai- und Kunstkenner ist in der Lage, ein im Westen so noch völlig unbekanntes Wissensgebiet, aufzuzeigen.

Viele seiner Artikel wurden z.B. in BONSAI ART und im BONSAI FACH FORUM veröffentlicht, und viele noch unvollendeten Artikel werden wohl leider für uns im großen Arkanum verschlossen bleiben. Dieser Artikel hat mich als Schalenliebhaber besonders angesprochen. 

Zur Vollendung der “Bonsaischalen-Info“ Seite ist es eine Ehre, diesen hier zeigen zu dürfen.

 

Auch ich danke Frau Ute Däberitz ganz herzlich für die Erlaubnis das Penjing-Album hier veröffentlichen zu dürfen.

STIFTUNG SCHLOSS FRIEDENSTEIN, Gotha

 

 Schloss Friedenstein

 

Mein Dankeschön an Frau Lind.

 

Und an den Verlang BONSAI ART.

Text und Fotos: Gerlind Lind


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