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Pius Notter Nr. 1

In der Bonsaikunst ist das Bemühen um gutes, fachliches Wissen Voraussetzung für ein entspanntes, Freude bringendes Arbeiten am Bonsai. Zu den einzelnen Sparten in dieser Kunst wie Technik, Pflege usw. gehört auch die Kenntnis um Ästhetik. Zur Ästhetik der Bonsaikunst gehört die Schale. Die Schale hat aber in Europa noch einen geringen Stellenwert. Im deutschsprachigen Raum ist bis heute noch nicht ein Buch (außer John Naka Band II) über Bonsaischalen und deren Ästhetik im Zusammenhang mit Bonsai erschienen. In dieser Richtung muß man sich halt in autodidaktischer Weise selber bemühen. Die wenigen japanischen Schalenbücher, die zu bekommen sind, sind leider für uns Europäer nicht lesbar.
Auch mein Wissen über Bonsaischalen ist sehr begrenzt. Im Bemühen um dieses Wissen muß man zu den Wurzeln der Bonsaikeramik, sprich alten klassischen Schalen zurück. Diese Schalen sind für unser Kunst – und Ästhetikempfinden kaum noch bepflanzbar, sind eher ein Sammler – und Kunstobjekt. Das Studium alter Schalen aber ist unumgänglich, um Vollständigkeit in der Harmonie zwischen Baum und Schale zu erlangen.



Diese zwei Schalen stammen aus der Provinz Canton in China, ihr Alter ca. 150 Jahre. Sie wurde in Aufbautechnik (Wulst – oder Würstchentechnik) hergestellt. Als Grundform wurde wohl eine alte Holzform benutzt. In ihr wurde durch Einpressen des Tonstranges die Grundform erstellt. Auf der Innenseite der Schale ist noch genau die Textur der Wulsttechnik zu erkennen. Von außen wurden die Schalen mit einem Paddel bearbeitet und glatt gestrichen.

 

Auf die achteckigen Schalen wurden anschließend reliefartig Pflanzen – und Tierbilder aufgearbeitet. Danach wurden sie von außen schwarzbraun engobiert und teilglasiert. Die aufgekrustete , mit der Hand gestrichene Glasur verfärbte sich nach dem Brand, dort wo sie Glasurnasen bildet, schwärzlich blau. Die Schalen haben acht sich nach oben hin verbreitende Treppenfüße. Die Größe der Schalen, 30 cm x 30 cm x 20 cm. Auf den vier breiten Seiten der Schalen sind Blumen, Gräser, Auberginen, Schmetterlinge und Libellen abgebildet.





An den vier Schmalseiten der Schale sind mit dem Kopf nach oben hängende Fledermäuse angebracht. In China steht die Fledermaus als Synonym für Glück, Fledermaus „Fu“ ist gleich lautend wie „Fu“ gleich Glück. Man wünschte mit dem Fledermausdekor Glück. Alle vier Fledermäuse sind in einer Form hergestellt und anschließend wie die anderen Figuren auf den lederharten Ton montiert worden.

Es ist anzunehmen, daß diese Schalen aus einer Serienproduktion stammen. Die oben beschriebene Schale (alle vier Bilder) weichen von untenstehender Schale nur insofern ab, als daß ein anderes Bildmotiv aufgearbeitet wurde. Wahrscheinlich gab es in dieser Töpferei für den einzelnen Töpfer größere Freiheiten, noch selbst die Motive zu wählen.



Eine Seite dieser Schale zeigt eine Lotospflanze und eine Ente. Der Lotos ist das Symbol für Erleuchtung. Die Wurzeln, die im Schlamm wachsen, stehen für menschliche Verstrickungen und Leidenschaften. Blätter und Blüten, die sich der Sonne öffnen, stehen für die Reinheit.
Bei aller Oberflächlichkeit in der Verarbeitung der Schalen wirken sie nicht plump, im Gegenteil, sie strahlen eine Spontanität aus, die in der heutigen Schalenherstellung nur sehr schwer zu erreichen wäre. Ich habe ähnliche Schalen bis jetzt nur noch zweimal abgebildet gesehen und zwar in den Bonsaibüchern: Man Lung Artistic Pot Plants/Seite 195 und dem japanischen Schalenbuch: Pot, Basin and Stand, Band II/Seite 33.

Peter Krebs

Obere Schale steht im Schalenmuseum von „ PIUS NOTTER Schweiz (4 Fotos von Pius Notter).
Untere Schale stammt aus der Sammlung von PAUL LESNIEWICZ.
Fotos: Josef Wiegand.



Hier noch einmal eine ganz alte Schale aus dieser Serie.

Foto aus meinem Bildarchiv, Besitzer der Schale unbekannt 


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